Das Thema Gerechtigkeit stand im Mittelpunkt beim diesjährigen Symposium des Roman Herzog Instituts (RHI) am 13. November 2025 im hbw | Haus der bayerischen Wirtschaft. „Gerechtigkeit ist ein wichtiges soziales Bindemittel und ein Schlüsselthema für unsere Gesellschaft,“ erklärte RHI-Vorstandsvorsitzender Professor Randolf Rodenstock. Weiter betonte er: „Deshalb ist es wichtig, diesem schillernden Begriff mit wissenschaftlicher Genauigkeit auf den Grund zu gehen.“
Neun RHI-Talks zu unterschiedlichen Aspekten von Gerechtigkeit
Das Bundesarchiv bot mit seiner Ausstellung über die „Rastatter Prozesse“, die zu den größten alliierten Kriegsverbrecherprozessen nach dem Zweiten Weltkrieg gehören, einen historischen Einstieg in das Thema „Gerechtigkeit“. In den anschließenden Impulsvorträgen beleuchteten zehn Expert*innen unterschiedlicher Fachgebiete verschiedene Aspekte von Gerechtigkeit.
Aus den Vorträgen ist hervorgegangen, dass wahrgenommene Gerechtigkeit den sozialen Zusammenhalt und die Motivation fördert, sich für das Gemeinwesen zu engagieren – was dem wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen und dem Wohlstand der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Wer sich dagegen dauerhaft ungerecht behandelt fühlt, neigt zu einer Opfer-Mentalität, die von extremistischen Parteien befeuert und gezielt für ihre politische Agenda genutzt werden kann.
Dass Gerechtigkeit in einer Gesellschaft nach dem Gleichheitsprinzip zu organisieren sei, hielten die Expert*innen für keinen tragfähigen Ansatz. So müsse das Gesundheitssystem von der Ungleichheit der Menschen und ihrem jeweiligen Bedarf ausgehen, während ein funktionsfähiger Sozialstaat sich künftig mehr auf das Leistungsprinzip und das Kriterium der Gegenseitigkeit fokussieren müsste. Die Expert*innen forderten mehr Wachsamkeit gegenüber ungerechten Strukturen – vor allem auf globaler Ebene. Zudem warnten Sie vor einer fehlgeleiteten wissenschaftlichen Debatte über Gerechtigkeitsfragen, die oftmals eher der Selbstdarstellung der Akteure als der Problemlösung dient.
RHI-Essaypreis 2025
Zum Schluss der Veranstaltung folgte die Auszeichnung Marius Drozdzewskis als Gewinner des diesjährigen RHI-Essay-Wettbewerbs, der zu der Frage „Was bedeutet Gerechtigkeit heute?“ ausgeschrieben war. Sein Beitrag ist in der Publikation „Gerechtigkeit anders denken – Vom Nullsummenspiel zur Wachstumsperspektive“ erschienen.
Vortragende und Teilnehmer*innen
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Marius Drozdzewski, Philosoph
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Prof. Dr. Nils Goldschmidt, Volkswirt und Theologe, Direktor Weltethos Institut an der Universität Tübingen
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Prof. Dr. Mario Gollwitzer, Sozialpsychologe, Ludwig-Maximilians-Universität München
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Prof. Dr. Philipp Hübl, Philosoph und Autor
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Marlene Kottmann, Rechtshistorikerin
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Prof. Dr. Regina Kreide, Politikwissenschaftlerin, Universität Gießen
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Prof. Dr. Stefan Liebig, Soziologe, Freie Universität Berlin
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Prof. Dr. Frank Müller, Volkswirt, FOM Hochschule Nürnberg
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Privatdozentin Dr. Nadia Primc, Medizinethikerin, Universität Heidelberg
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Judith Voelker, Regisseurin und Drehbuchautorin
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Prof. em. Dr. Michael Wolffssohn, Historiker und Publizist
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Prof. Randolf Rodenstock, RHI-Vorstandsvorsitzender
Moderation: Amèlie Leclère und Johannes Schöneberger, Absolvent*innen der Otto Falckenberg Schule