Letzte Aktualisierung: 19. Juni 2017

Kurzbewertung

Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss


Immer wieder steht Deutschland wegen seines hohen Handels- und Leistungsbilanzüberschusses in der Kritik. Diese ist unberechtigt. Von unseren Exporterfolgen profitieren auch unsere Handelspartner. Anzustreben sind aber mehr Investitionen im Inland.



Die Kritik

Die Kritik am deutschen Leistungsbilanzüberschuss ist vielfältig, aber meist unkonkret. Deutschland wird aufgefordert, seine Importe zu steigern, vor allem durch höhere Investitionen. Zum Teil wird auch eine Schwächung des Exports gefordert. Dahinter steht der Vorwurf, Deutschland verbessere künstlich seine Wettbewerbsfähigkeit, durch eine Manipulation des Wechselkurses und / oder durch zu geringe Lohnsteigerungen. In der Folge nehme Deutschland anderen Volkswirtschaften Weltmarktanteile weg. Auch wird mit einer nicht näher beschriebenen „Instabilität der Finanzmärkte“ infolge der Ungleichgewichte argumentiert.

Die Daten

  • Deutschland exportierte im Jahr 2016 Waren im Wert von 1,2 Billionen Euro, die Importe summierten sich auf 921 Milliarden Euro. Dies ergibt einen Handelsbilanzüberschuss von 276 Milliarden Euro, was 8,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht. 2015 lag der Überschuss bei 8,7 Prozent.
  • Im Schnitt der letzten zehn Jahre lag der Handelsbilanzüberschuss bei gut sieben Prozent des BIP. Die aktuell hohen Werte liegen zum Teil auch an den niedrigen Öl- und Rohstoffpreisen, wodurch das Importvolumen wertmäßig gesenkt wird.
  • Etwas relativiert wird das Bild durch die Dienstleistungsbilanz, die für Deutschland im Jahr 2016 ein Defizit von 37,3 Mrd. Euro aufwies.
  • Somit ergibt sich aktuell ein Leistungsbilanzüberschuss von 238,8 Mrd. Euro bzw. 7,6 Prozent des BIP.

Die Realität

Die Kritik am hohen Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands ist unbegründet. Der Vorwurf der Wechselkursmanipulation ist haltlos. Zwar dämpft die extrem expansive Geldpolitik den Euro-Kurs derzeit; verantwortlich ist aber die Europäische Zentralbank und keine nationale deutsche Institution. Ebenso haltlos und absurd ist der Vorwurf des Lohndumpings. Die deutsche Industrie hat weltweit die fünfthöchsten Arbeitskosten, der Kostennachteil gegenüber den anderen Industrieländern beträgt rund 20 Prozent. Seit 2011 steigen die Löhne in Deutschland Jahr für Jahr stärker als im Schnitt der EU und der Eurozone.

Der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands hat auch strukturelle Gründe: Volkswirtschaften mit einem hohen Industrieanteil weisen tendenziell einen Handelsbilanzüberschuss auf, da der Inlandsmarkt zu klein ist, um die gesamte Industrieproduktion aufzunehmen. Hinzu kommt, dass ein Leistungsbilanzüberschuss per definitionem mit einem Kapitalbilanzdefizit einhergeht. Für Länder mit einer alternden Bevölkerung ist es normal und auch sinnvoll, dass wegen der Altersvorsorge die Ersparnis höher ist als die Investitionen. Wenn die Ersparnisse im Ausland angelegt werden, führt dies zu einem Kapitalbilanzdefizit.

Die besonderen Exporterfolge der deutschen Wirtschaft basieren vor allem auf der Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die qualitativ hochwertige und attraktive Produkte herstellen, die auf den Weltmärkten gefragt sind. Es wäre nicht nur absurd, sondern auch für die anderen Staaten fatal, würde man die deutsche Wirtschaft bewusst schwächen, um die Exporte zu dämpfen. Eine starke deutsche Wirtschaft importiert mehr aus anderen Ländern:

  • Eine vbw Studie zeigt, dass die Importnachfrage Deutschlands in den anderen EU-Staaten eine Wertschöpfung von 240 Mrd. Euro generiert und für 4,8 Millionen Arbeitsplätze sorgt. Allein die Nachfrage der deutschen Industrie nach Vorleistungen und Investitionsgütern sichert 3,4 Millionen Jobs in den EU-Ländern.
  • Eine künstliche Verschlechterung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft würde die EU-Partner nicht stärken, sondern im Gegenteil schwächen: Die gleiche Studie zeigt, dass das BIP in den anderen EU-Staaten um 15 Mrd. Euro niedriger ausfallen würde.
  • Deutschland exportiert vor allem Investitionsgüter. Diese dienen in den Absatzmärkten als Basis für künftiges Wachstum. Das gilt für Schwellenländer ebenso wie für Industriestaaten. So sind über 80 Prozent der deutschen Ausfuhren in die USA Investitions- und Vorleistungsgüter.
  • Die Schwellenländer profitieren zudem in ihrem wirtschaftlichen Aufholprozess von der Kapitalzufuhr aus Ländern wie Deutschland.

Richtig aber ist es, eine Steigerung der Inlandsinvestitionen anzustreben. Dazu gehören sowohl eine Ausweitung der öffentlichen Investitionen als auch attraktive Rahmenbedingungen, um private Investitionen anzuregen. Kräftige Lohnsteigerungen würden aber genau das Gegenteil bewirken, weil sie die finanziellen Möglichkeiten der Unternehmen für Investitionen einschränken.


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