Letzte Aktualisierung: 22. März 2017

Deutschland hat Zukunft

Rückblick: Der Mensch in der digitalen Arbeitswelt

Am 15. März 2017 fand in München im Haus der Bayerischen Wirtschaft ein Kongress zu den Herausforderungen der Digitalisierung statt. Rund 100 Teilnehmer folgten dem Beitrag von vbw Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt, einem Vortrag über die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigten von Prof. Dr. Sascha Stowasser, Direktor des ifaa – Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e. V. und einem Vortrag über den Rechtsrahmen für die digitale Arbeitswelt von Prof. Dr. Martin Franzen, Ludwig-Maximilians-Universität.

An der anschließenden Podiumsdiskussion beteiligten sich außerdem noch der arbeitsmarktpolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stephan Stracke MdB, Martin Naser, Leitung Industrial Relations & Employment Conditions der Siemens Healthcare GmbH und Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der IG Metall Bayern.

Rechtsrahmen nicht mehr zeitgemäß

Bertram Brossardt legte dar, dass die Digitalisierung eine Chance für alle sei. Sie zu nutzen liege sowohl im Interesse der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer. Ein moderner Rechtsrahmen müsse dazu gesetzliche Spielräume schaffen – auch mit Blick auf neue digitale Geschäftsfelder. Zusätzliche Möglichkeiten, die Arbeit flexibler zu gestalten, erforderten eine höhere Eigenverantwortlichkeit der Arbeitnehmer. Ohne Anpassungen des Rechtsrahmens würden Teile unserer arbeitsrechtlichen Ordnung von der betrieblichen Realität überholt oder künftig die Tätigkeiten dort erfolgen, wo bereits ein entsprechender Rechtsrahmen bestehe.

Insbesondere die Begrenzung der täglichen Arbeitszeit auf maximal zehn Stunden passe nicht mehr zu der globalisierten und digitalen Arbeitswelt. Stattdessen müsse man zu einer wochenbezogenen Betrachtung kommen, die in der entsprechenden Europäischen Richtlinie bereits vorgesehen sei. Betriebe und Beschäftigte gewönnen dadurch Flexibilität bei der wöchentlichen Verteilung der Arbeitszeit, ohne dass es dadurch zu einer Ausweitung des Arbeitszeitvolumens komme, sagte Brossardt. Zudem müssten auch die weiteren Flexibilisierungsmöglichkeiten, die die europäische Arbeitszeitrichtlinie vorsehe, z. B. bei der Ausgestaltung der Ruhezeit durch die Sozialpartner, im deutschen Recht voll umgesetzt werden. Das Gesetzgebungsvorhaben zur befristeten Teilzeit und zur Rückkehr in Vollzeit sei für die Unternehmen mit kaum handhabbaren bürokratischen Belastungen verbunden und daher abzulehnen. Auch die meisten weiteren Gestaltungsvorschläge im Diskussionsentwurf zum Weißbuch Arbeiten 4.0 sehe man sehr kritisch.

Wissenschaftliche Betrachtung

Prof. Dr. Sascha Stowasser legte dar, dass die Digitalisierung eine viele Jahre dauernde, nicht umkehrbare Weiterentwicklung gegenwärtiger Systeme und Geschäftsmodelle sei. Dabei bestünde für die Unternehmen die Notwendigkeit, die Entwicklungen mitzugehen. Die Flexibilisierung der Arbeitswelt vollziehe sich dabei in drei Dimensionen, nämlich bei der Flexibilität der Arbeitsstruktur, der Flexibilität des Arbeitsortes und der Flexibilität der Arbeitsstruktur. Geboten sei eine sachliche Diskussion über Mensch und Arbeit in der Arbeitswelt 4.0 ohne Panikmache.

Prof. Dr. Martin Franzen erläuterte die Grenzen des deutschen Arbeitszeitgesetzes und zeigte auf, dass die europäische Richtlinie in vielen Bereichen mehr Flexibilität ermögliche, als im deutschen Recht umgesetzt, z. B. bei der täglichen Höchstarbeitszeit und der flexiblen Ausgestaltung der täglichen Ruhezeit. Grundlegende Bedenken äußerte er gegenüber Plänen, Flexibilisierungsmöglichkeiten im Arbeitsrecht nur noch für tarifgebundene Unternehmen zu ermöglichen, ohne Bezugnahmemöglichkeit für andere Unternehmen. Ein befristeter Teilzeitanspruch sei ein Eingriff in die Vertragsgestaltung und solle an sachliche Gründe in der Person des Arbeitnehmers geknüpft werden.

Intensive Diskussion zum zukünftigen Rechtsrahmen

An der von Henrike Roßbach, Frankfurter Allgemeine Zeitung, moderierten Podiumsdiskussion nahmen neben Bertram Brossardt der Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke (CSU), Martin Naser von Siemens Healthcare GmbH und Jürgen Wechsler, Bezirksleiter der IG Metall Bayern, teil.

Jürgen Wechsler plädierte dafür, die Tarifbindung durch Anreizsysteme zu stärken, z. B. durch exklusive Öffnungsklauseln für tarifgebundene Unternehmen. Die IG Metall verfolge mit Tarifverhandlungen immer einen fairen Ausgleich. Was die Arbeitszeit betreffe, so sei Deutschland seiner Meinung nach das flexibelste Land der Welt. Flexibilität dürfe aber keine Einbahnstraße sein, weshalb auch die Weiterentwicklung des Teilzeitrechts notwendig sei.

Stephan Stracke MdB begrüßte, dass das Bundesarbeitsministerium mit dem Weißbuch Arbeiten 4.0 zumindest erkannt habe, dass Diskussionsbedarf bestehe. Ob der vorgeschlagene Weg aber wirklich der richtige sei, darüber müsse man noch intensiv diskutieren. Die vorgeschlagenen Experimentierräume könnten ihren Wert aber nur dann beweisen, wenn sie auch nicht tarifgebundenen Unternehmen offenstünden. Martin Naser berichtete, dass er sehr positive Rückmeldungen von Mitarbeitern erhalte, die in den Genuss von mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit kämen. Er betonte die Bedeutung einer entsprechenden Führungs- und Unternehmenskultur.

Bertram Brossardt wies darauf hin, dass sich der zukünftige Rechtsrahmen auch unbedingt an der Arbeitswelt der Zukunft orientieren müsse. Selbstverständlich müsse Flexibilität dabei in beide Richtungen möglich sein. Eine Weiterentwicklung des Teilzeitrechts lehne die vbw aber zugunsten praxisnaher betrieblicher Regelungen ab.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum betonte Gabi Schmidt MdL, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Freie Wähler, dass viele Menschen flexibler arbeiten wollten und dass das veraltete Arbeitszeitgesetz dem nicht mehr gerecht würde. Kerstin Celina MdL, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen, gab zu bedenken, dass der Staat es im Schulbetrieb auch schaffe, den Lehrkräften flexible Teilzeitmodelle anzubieten. Dem hielt Bertram Brossardt entgegen, dass der Staat ein großer Arbeitgeber mit einer entsprechenden Personalreserve sei.

Bilder (11)

Bertram Brossardt
Prof. Dr. Sascha Stowasser
Prof. Dr. Martin Franzen
Blick ins Publikum
Stephan Stracke MdB
Martin Naser
Kerstin Celina MdL
Jürgen Wechsler
Gabi Schmidt MdL
Abschlussrunde
Angeregte Diskussion
Information
i
Vortrag
Prof. Dr. Sascha Stowasser - Auswirkungen der Digitalisierung auf die Beschäftigten
i
Vortrag
Prof. Dr. Martin Franzen - Rechtsrahmen für die digitale Arbeitswelt

Drucken
Kontakt
Ansprechpartner

Julius Jacoby

Arbeitsrecht, Wirtschaftsrecht, Internationales Recht

+49 (0)89-551 78-233
Julius Jacoby
Content Sharing
Bitte loggen Sie sich ein, um den Einbettungs-Code für diese Seite zu erhalten.
nach oben